Zähne als Zeitzeugen

Tosender Großstadtverkehr auf der Gertraudenstraße, hier war vor ein paar Jahrhunderten das Zentrum von Cölln, der einen Hälfte der Doppelstadt, aus der einmal die heutige Metropole Berlin entstehen sollte. Die Gertraudenstraße ist heute Schauplatz von archäologischen Ausgrabungen. Die vielen Baustellen in der Stadt legen jede Menge Geschichte frei. Im historischen Zentrum von Cölln stieß man dabei auf einen großen Friedhof und konnte Fragen klären, woher die früheren Bewohner Berliner kamen.

Seit zehn Jahren werden am Petriplatz Gebeine geborgen, darunter vor allem menschliche Kiefer und gut erhaltene Zähne. Die eigentliche Grabungskampagne ist beendet, aber in einer Baugrube der Wasserbetriebe sind im Frühjahr 2017 wieder drei Skelette gefunden worden, die noch untersucht werden müssen. Sicher ist schon jetzt, dass die ältesten der insgesamt dort gefunden 139 Skelette aus der Zeit kurz nach 1150 stammen. Damit sind sie älter als alle menschlichen Spuren, die Forscher bisher im Bereich der mittelalterlichen Doppelstadt Berlin/Cölln gefunden haben. Und sie stammen aus einer Zeit vor den ersten urkundlichen Erwähnungen. Cölln taucht erstmals 1237 und Berlin 1244 auf. Woher kamen die ersten Berliner?

Im Vergleich zu oben: der gleiche Kartenausschnitt heute.

Spuren im Backenzahn

Bei rund hundert der Überreste der ältesten Einwohner von Cölln, das damals auf der Spreeinsel lag, hat man die Zähne untersucht: Im Schmelz vor allem des vorletzten Backenzahns finden sich Strontium-Isotope. Diese verraten, wo sich ein Mensch im Lauf seines Lebens aufgehalten hat.
Strontium-Isotope stammen direkt aus dem Boden und unterscheiden sich je nach Alter des Bodens. Man kann sagen, dass jede Gegend ihr eigenes Strontium-Profil besitzt. Über die Nahrung gelangt das Erdalkalimetall in den Körper und lagert sich dann in den Zähnen ab. Da sich Strontium ähnlich verhält wie Kalzium, kann es das Mineral bei der Bildung von Knochen und Zähnen ersetzen.

Nun liegen erste Ergebnisse vor:Die meisten gefundenen Personen stammen aus der norddeutschen Tiefebene, darunter ist auch eine Frau aus Thüringen und ein Rheinländer.

Die ersten Berliner waren groß

Auffällig ist die Statur der Früh-Berliner: Sie waren etwa so groß wie die modernen Berliner von heute. Der größte gefundene Mann aus dem 12. Jahrhundert war 1,92 Meter groß, die größte Frau beachtliche 1,81 Meter. Erst einige Jahrhunderte später wurden die Berliner kleiner, was vor allem auf Zuwanderungen hindeuten soll. Genetische Untersuchungen müssen noch genauer klären, wo die ersten Berliner herkamen und ob sie miteinander verwandt waren: Kamen sie mit dem Ochsenkarren aus dem Westen im Familienverband angereist, was lange Vorbereitungen und das Anlegen von Vorräten durch den Landesherrn voraussetzte. Oder siedelten sich Männer an, die sich Frauen aus der slawischen Bevölkerung suchten?

Für diese Untersuchungen suchen die Forscher derzeit noch Fördergelder, denn sie sind langwierig und nicht ganz billig. Seit der Wende hat die Archäologie schon viel Neues über die Vergangenheit Berlins zutage gefördert.

Landesarchäologe Professor Matthias Wemhoff erwartet für nähere die Zukunft weitere Erkenntnisse, zum Beispiel bei Grabungen auf dem Molkenmarkt vor seinem Umbau. Mit den bisherigen Untersuchungen werde es dann in Europa kaum eine Stadt geben, die so gut ergraben ist wie Berlin.